Eigentlich sammelt man sie ja im Wald und haut sie in die Pfanne. Dass Pilze aber auch Großes vollbringen, hüpfen, sprechen, ja sogar richtig sympathisch sein können, beweist Red Fly mit Mushroom Men. Wie gut ist dieser Trip durch die comichafte Miniaturwelt, die auf den ersten Blick einen herrlich morbiden Charme versprüht?

Die Sporen des Skurrilen
DRÖÖÖHN-DONNER-SCHEPPER-KRACH-PEEENG! Alles stürzt ein, alles fällt in sich zusammen und vergeht in einer gen Himmel züngelnden Explosion, bevor nicht mehr als Trümmer zurückbleiben, die von partikelfeinen Staubwolken umwirbelt werden. Geht euch das auch alles manchmal auf den Geist? Vermisst ihr zwischen auf ganz dolle schnieke gebügelten Grafiken manchmal Herz und Seele eines Spiels? Diese kleinen Merkmale, die lauthals schreien: „Hey, stopp! Dieses Spiel ist was Besonderes. Versucht es zumindest mal miteinander“.

Denn so, wie man manche Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, haben es mutige Meisterwerke verdient, beachtet, ja sogar geliebt zu werden. So wie Mushroom Men, das nicht nur Großartiges in Sachen Level-, Art- und Spieldesign leistet, sondern auch zeigt, dass es da draußen noch Entwickler gibt, die genauso mutig wie ihre Helden sind.

Was anderes bleibt unserem kleinen Pax auch nicht übrig, als ein Meteorit auf die Erde rast und Sporen hinterlässt, die Flora und Fauna zu geifernden Bestien mit skurrilen Deformierungen und abnormen Verhaltensmustern mutieren lässt. Als Mitglied der Steinpilzfamilie wird er hinaus geschickt in eine Welt, die so charmant, so liebevoll designt wurde, dass man auf Schritt und Tritt staunt und mit glitzernden Augen wie ein Kleinkind im Spielzeugladen auf die Suche geht - nach Antworten, nach Geheimnissen und nicht zuletzt nach den wichtigen Meteoritensplittern.

Red Flys kreatives Abenteuer ist vor allem ein Paria, ein Ausgestoßener unter den in konservativen Bahnen kreisenden Spielen. Macht bloß nicht den Fehler und lasst euch vom trashig anmutenden Cover abschrecken, denn sonst entgehen euch das mutigste Wii-Spiel der letzten Monate, ein erfrischendes Erlebnis und ein Spielbrett, das angenehm an verstoßene Perlen wie Bad Mojo, Evil Twin, Deadly Creatures und American McGee’s Alice erinnert. Überall begrüßen euch groteske Formen, Farben und verlockende Abgründe: Dornenbüsche ragen über Gräser wie gefährliche Klauen, gefangen in Dimensionen, die zehn Nummern größer als Pax sind.

Tote Ratten rotten zwischen Getränkedosen, alten Matratzen und aus der Decke wuchernden Wurzeln, zwischen Spielzeugautos, Farbeimern und Zeitungsresten vor sich hin. Und spätestens wenn man in diesem Drecksloch Kaninchen mit Bowlingkugeln erschlägt oder durch einen Spalt in einen von Spinnen bekrabbelten Kühlschrank schlüpft, dann bleibt nur zu sagen: Hut ab, Red Fly. Diese Miniaturwelt ist nicht nur herrlich verkommen, sondern auch eine der besten und originellsten, die man neben Super Mario Galaxy und Metroid Prime 3 auf Wii zu Gesicht bekommt.

Design schlägt Technik
Sie ist der über ermüdende 360-PS3-Kraftmeierei spottende Beweis dafür, dass Design über Auflösung siegt und dass man auch ohne HD-Glanz und Augenwischerei gefangen nehmen kann. Red Fly hält euch bizarres Abbild unserer Welt vor, wo eine Krankheit wie ein Virus um sich gegriffen hat, die mordlüsternd starrenden Karnickeln, mutierten Maulwürfen und kulleräugigen Efeupflanzen den Weg ins Rampenlicht ebnet. Klingt krank? Ist es auch. Zu krank, um ignoriert zu werden. Spielmechanisch zwar in den üblichen Action-Adventure-Strukturen gefangen, die sich auf das Dreigestirn „Kampf, Erkundung und Dialoge“ stützen, aber dank des hervorragenden Designs so motivierend, dass man neugierig durch die Welt stromert.

Ihr springt über Rohre und Kloschüsseln, über zerlederte Sessel und Klappstühle, Motorräder und staubige Regale. Die Entwickler nutzen die Höhe als Element, das aus der bodennahen Perspektive und aus den Augen dieses kleinen Kerls unheimlich beeindruckend sein kann. Wenn man vor einem in die Höhe ragenden Objekt steht, kann man nur staunen.

Oder sich einen Weg nach oben suchen. Denn Red Fly verbindet als Trittfläche fungierende Pflanzenblätter, Rohre, Plattformen und Pax‘ Fertigkeiten zu einer überschaubaren, aber spaßigen Mechanik. Motivierend ist, dass man die Umgebung genau in Augenschein nehmen, analysieren, neue Höhen und Plattformen auskundschaften muss, um weiterzukommen.

Neben dem normalen Hüpfer steht Pax auch sein Hut zu Verfügung, der quasi als Fallschirm fungiert. So kann man meterweite Abgründe schwebend überwinden oder bergab führende Strecken zackiger zurücklegen. Hinzu kommt der „Sticky Finger“, der auf speziellen Oberflächen haftet und euch wie ein Greifhaken durch die Gegend sausen lässt. Dieses recht überschaubare Bewegungsrepertoire entfaltet sich in Verbindung mit all den reizvollen Höhenunterschieden und den vielen kleinen Gängen zur kurzweiligen Erkundung, da man sich immer wieder umschauen, Vertikalen und Schrägen einkalkulieren muss, um den Weg fortzusetzen.

Fungi im Kampfrausch
Und danach wieder Schalter umlegen, fließendes Wasser umlenken oder kleinere Rätsel lösen, die zwar meist schnell durchschaut sind, aber immerhin ein ruhiges Moment vor den Kämpfen entfachen. Und die lassen vor allem Spinnen, Insekten, Maulwürfe oder feindliche Pilzfamilien aufmarschieren, die mit Essbesteck oder mechanischen Kleinteilen kraftvoll zulangen. Was man dagegen tut? Fuchteln, als gäbe es kein Morgen. Bewegungen der Wiimote lassen sich zu schlichten Angriffskombos verbinden, die Pax ansehnlich animiert durch die Gegend wirbeln und stochern lassen.

Zudem kann er den Hut als Schild benutzen oder sich seitlich abrollen, um dem Schaden zu entgehen. Die Kampfmechanik ist so einfach wie unspektakulär, und da das Gegnerverhalten wenig überraschend und unterm Strich viel zu vorhersehbar ist, fühlen sich die Kämpfe nicht packend genug an. Dass man nach jedem Ableben vor der verhängnisvollen Stelle wiederbelebt wird, raubt den Gefechten ein wenig Reiz und Dynamik – kann ja eh nix passieren.

Ärgerlich ist vor allem, dass sich die Kamera immer wieder verschiebt und man quasi ins Bild prügelt oder die Sicht auf den Gegner verliert. Und selbst wenn gerade kein Kampf ansteht und man einfach nur die Umgebung beobachten will, geht zuweilen die Orientierung verloren. Richtig spaßig ist erst der Gebrauch der Sporenkräfte: Mit der Wiimote nimmt man etwa Baseballs, Flaschen oder andere herumliegende Objekte auf und schnippt sie flott in Richtung Gegner. Was besonders in den Bosskämpfen wichtig ist, die vor morbidem Witz geradezu triefen und euch eine verkommene Facette der Natur vorhalten. Oder wann habt ihr zum letzten Mal gegen die besessene Bestie von einem Kaninchen gekämpft, dem ein Geweih aus dem Kopf ragt, der grünlich dampfende Apfelgriebsche hochwürgt und in eure Richtung spuckt?

Dass man immer wieder in jede Ecke blickt und alles unter die Lupe nimmt, liegt auch daran, dass es überall etwas zu entdecken gibt. Seien es Meteoritensplitter, die irgendwann Pax‘ Lebensenergie erhöhen, oder runde, einem typischen Ü-Ei ähnliche Behälter, die scheinbar wertlosen Krempel beinhalten. Da lauern unter anderem Bindfäden, Kronkorken, Dosenöffner, Isolierband, Kleber, Zahnstocher, Kaugummi und vieles mehr. „Scheinbar“ deshalb, weil all diese Objekte wie ein Zahnrad ins System zur Waffenherstellung übergehen.

Über zwanzig Werkzeuge in den vier Unterkategorien „Hieb“, „Stich“, „Schlag“ und „Radikal“ lassen sich zusammenstöpseln, wobei jede Gattung andere Angriffsanimationen mit sich bringt und jede Waffe qualitativ auf einer Skala zwischen einem und fünf Sternen bewertet wird. Es ist wirklich eine helle Freude, aus all dem Plunder immer bessere und skurrilere Geräte mit klangvollen Bezeichnungen wie „Hades-Sichel“, „Kolbenhorror“, „Quetscher der Verlobten“ oder „Steckerklatsche“ herzustellen. Sobald sich eine Textmeldung zur möglichen Herstellung einer Waffe auf den Bildschirm schleicht, macht sich ein morbides Grinsen im Gesicht breit.

Zumindest bis man nach sechs Stunden wieder aus dem Pilzkörper schlüpft und ins eigene Wohnzimmer zurückkehrt. Obwohl es hier vielleicht gar nicht so anders aussieht …

Fazit

Wann konnte man auf Wii zuletzt in ein kerniges Action-Abenteuer mit makaberer Duftmarke abtauchen, das so liebevoll designt, so sympathisch war? Wann gab’s zuletzt Unterhaltung jenseits von „Kenn ich schon“ und „Ganz nett, aber…“? Red Fly füllt diese Pilzmär mit unzähligen Kleinigkeiten in Hinblick auf Charakter- und Artdesign, schubst euch in ein grausam mutiertes, von giftigen Sporen zerfressenes Tier- und Pflanzenreich, in seiner Verkommenheit ebenso witzig wie erschreckend.

Spätestens wenn man gegen Silbergabeln schwingende Pilzstämme oder Maulwürfe kämpft, hassstarrende Karnickel mit Elchköpfen erschlägt oder fette Biber mit einem Wasserstrahl von versifften Sesseln jagt, dann bleibt nur zu sagen: Pilzhut ab, Red Fly! Was hier an Witz und morbidem Charme zusammenkommt, ist erstklassig und nach Deadly Creatures ein längst überfälliger Schlag ins Zentrum des zielgruppenfokussierten Mainstream-Molochs.

Ihr wollt vor entarteter Kulisse kämpfen, springen und staunen? Dann greift zu! Zwar kreist Mushroom Men in den typischen Action-Adventure-Bahnen, die abseits des Dreigestirns aus Kampf, Erkundung und Dialogen wenig spielmechanische Überraschungen kredenzen. Hinzu kommt, dass die Kämpfe in wenig packendes, auf lange Sicht Dynamik raubendes Gefuchtel ausarten und dass sich die Kamera oft selbst im Weg steht.

Dieses Abenteuer mag nach sieben bis acht Stunden vorbei sein, mag strukturell vielleicht keine neuen Wege einschlagen und auf dröhnende Paukenschläge verzichten. Aber es ist frech. Es ist herrlich verschroben. Wild. Zotig. Und mutig. In dieser Wertung stecken die Anerkennung und Wertschätzung für das, was Chad Barron und sein Team da in die Welt gesetzt haben: ein schrulliges Kleinod für Genießer und endlich wieder was Bissfestes für Wii-Spieler.

Quelle: http://www.gamona.de/games/mushroom-...e,1500381.html